Die Giraffe oder Plädoyer für etwas weniger Selbstoptimierung
Schreibimpuls aus "The book of alchemy" (Soleika Jaouod)
—> Zeichne mit geschlossenen Augen eine Giraffe

Anmutig ist die Giraffe in meiner Vorstellung.
Tollpatschig unbeholfen, sehr „unfertig“ und in sich verschoben habe ich sie gekrakelt.
Ich finde sie aber tatsächlich trotzdem - oder gerade deswegen?! - sehr liebenswert in ihrer Unvollkommenheit.
Es nimmt sehr viel Druck, mit geschlossenen Augen die Linien des in der Vorstellungskraft heraufbeschworenen Umrisses nachzuziehen. Nicht zu sehen, was man aufs Papier bringt, es nicht direkt noch im Entstehungsprozess bereits kritisieren zu können..
Einfach mal machen und sehen, was passiert.
Selbst wenn es nicht perfekt ist, kann es „gut“ sein. Oder ein Anfangspunkt, auf den aufgebaut werden kann.
Das entspricht im Moment sehr dem Mindset, das ich zu kultivieren versuche: Die erste Idee, die erste Skizze darf sich weiterentwickeln. Aber es braucht sie - in ihrer auf den ersten Blick scheinbaren Unvollkommenheit -, um überhaupt auf ihr aufbauen zu können, um vielleicht dann am Ende eine Giraffe auf dem Blatt in der Gestalt Form annehmen zu lassen, wie ich sie vor meinem inneren Auge sehe.
Den Perfektionismus, den die Gesellschaft durchdringenden (Selbst-)Optimierungsgedanken loslassen.
Dinge können genau richtig sein in ihrem unfertigen Zustand.
Du und ich - wir sind heute schon genug und müssen nicht immer erst noch dies oder jenes erreichen, so oder anders aussehen, noch eine gesunde, achtsame Lebensweisheit integrieren, noch und noch und noch...
Die Krakel-Giraffe ist gut, wie sie ist, sie ist genug, wie sie ist - unfertig fertig.
Die Krakel-Giraffe ist liebenswert.
Du und ich sind es auch.
Leipzig - mein Leipzig -, ich schreibe über eine Giraffe, Du schickst mir eine Giraffe. Einmalig!

© anaïs-madlaina büchl
fotostandort (die Giraffe findet ihr bei Fräulein Miramunkel)