geschichten & texte in, um & aus leipzig

halloleipzig

neues entdecken.

neues im gewohnten sehen.

gewohntes im neuen wiederfinden.

geschichten, texte, fragmente &

gedanken über das auswandern & in die ferne schweifen, das ankommen & heimischwerden, vermissen & liebgewinnen.

für alle entdecker, die ihr zuhause in der weite suchen & (hoffentlich) in sich finden.

so oft es der alltag zulässt, wann immer möglich zweiwöchentlich, gibt's hier auf halloleipzig neues zu leipzig & umgebung.

leipzig, mein leipzig, lob ich mir (angelehnt an goethe).

Irritationen oder Du bist nicht allein!

 

Ich bin irritiert darüber, dass ich mich in Räumen mit geschlossenen Jalousien eingesperrt fühle.

Ich bin irritiert darüber, dass ich gerne Zug fahre, aber nicht im Dunkeln. Auch hier Selbiges: Ich fühle mich eingesperrt.

Ich bin irritiert darüber, dass ich bei meinem morgendlichen Kaffee keinen Koffeinboost spüre, jedoch nachts nicht schlafen kann, wenn ich das schwarze Gold ab so ab 16, 17 Uhr kredenze, es mich meiner Nachruhe aber wiederum nicht beraubt, wenn es kurz vor dem Einschlafen genossen wird.

Ich bin irritiert darüber, dass ich meine Haare gerne noch kürzer schneiden möchte, obwohl ich mich jetzt schon auf Fotos kaum wieder erkenne.

Ich bin irritiert darüber, dass sich manche Eindrücke so tief in die Landschaft der Seele eingraben, dass sie einen immer wieder straucheln lassen, selbst wenn man sich sorgt, die Baustellen bearbeitet, Füllmaterial nachschüttet und nachschüttet und nachschüttet.

Ich bin irritiert darüber, dass ich meine Familie über alles liebe und dann hunderte von Kilometern wegziehe.

Ich bin irritiert darüber, dass ich Dinge plötzlich nicht mehr will, die ich einmal unbedingt wollte.

Ich bin irritiert darüber, dass Scham so schwer wiegen kann, dass sie Gedanken so bleiern werden lässt, dass Dinge nicht mal sich selbst gegenüber gedacht aussprechen werden können.

Ich bin irritiert darüber, dass ich in gewissen Kontexten als kompetent wahrgenommen werde, mich selbst aber wie die größte Hochstaplerin fühle.

Ich bin irritiert darüber, dass ich mir nicht selten Zeit für mich alleine wünsche, sie aber nur schwerlich genießen kann, wenn ich sie mir denn ausbedungen habe und in sie eintauchen könnte.

Ich bin irritiert darüber, dass ich manche Dinge einfach aussitze und totschweige, obwohl ich so sehr für eine achtsame offene Kommunikation plädiere.

Ich bin irritiert darüber, dass man anfangen muss zu kochen, bevor man Hunger hat, denn sonst wird’s anstrengend.

Ich bin irritiert darüber, dass ich manche Freundschaften einfach nicht aufrecht halten konnte, obwohl diese Menschen mich noch immer gedanklich oft begleiten und ich die Freundschaft mit ihnen in Gedanken fortführe.

Ich bin irritiert darüber, dass meine Toleranzgrenze gegenüber manchen Dingen, Personen, Umständen sinkt, ich gewisse Gegebenheiten einfach nicht mehr verstehe und auch nicht mehr verstehen möchte.

Ich bin irritiert darüber, dass ich mit meinen kurzen Haaren ehemalig gern und oft getragene Kleidung nicht mehr an mir „er-tragen“ kann, weil die Proportionen in meiner Wahrnehmung nicht mehr ausgeglichen sind.

Ich bin irritiert darüber, dass ich mich selbst so sehr durch mein Außen, meine Leistung, meinen Beitrag definiere, andere Menschen aber ja wegen ihrer Art und ihres Wesens wegen mag.

Ich bin irritiert darüber, dass ich so viel Härte gegen mein Innen richte, im Außen mit anderen hingegen so milde und verständnisvoll wie nur möglich bin.

Ich bin irritiert darüber, dass ich einen Platz zum Sitzen, Stehen, Liegen nach ganz vielen Kriterien aussuchen „muss“, weil ich mich sonst fehl am Platz fühle.

Ich bin irritiert darüber, dass ich das Gefühl habe, ich müsse meinen Wesenskern immer wieder unter Schichten Ballast an Besitz, Erwartungen, Projektionen ausgraben.

Ich bin irritiert darüber, dass ich Dinge, die mir gut tun und Energie geben würden - das Schreiben z.B. - in stressigen Situationen noch immer oft hinten anstelle oder schlicht einfach „vergesse“ und nicht darauf zugreifen kann, obwohl ich doch weiß, dass es mehr davon bräuchte, die Batterien wieder aufzuladen und sich wieder wie sich selbst zu fühlen.

Ich bin irritiert darüber, dass man blinde Flecken hat und sich bei bestimmten Themen, trotz viel Expertise, nicht selbst helfen kann.

Ich bin irritiert darüber, dass ich Unordnung fühlen kann, selbst wenn sie hinter Schranktüren versteckt bleibt.

Ich bin irritiert darüber, dass ich nicht gern Riesenrad fahre, obwohl ich mir gerne Plätze mit guter Aussicht suche.

Ich bin irritiert darüber, dass die Menschheit so viel Leid in die Welt bringt, obwohl wir doch alle einfach ein gutes Leben leben wollen.

Ich bin irritiert darüber, dass ich manchmal so traurig, so gestresst bin, mich so außerhalb meines Körpers fühle und das Leben trotzdem lebenswert finde.

 

Überwältigend?

 

Ich weiß…

 

Ich weiß…

 

Aber Du bist stark!

Und Du bist nicht allein!

 

© anaïs-madlaina büchl

 

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